In unserer NETZ:POV-Reihe schildern wir unsere ungefilterte Perspektive zu aktuellen Themen.
Ein Thema, bei dem Meinungen und Empfindung kaum unterschiedlicher Ausfallen können.
Es fällt mir zunehmend schwerer, die Kolumne zu schreiben. Am Anfang dieser Kategorie hier, war ich sehr davon überzeugt, dass wir hier Stellung zu den verschiedensten Themen beziehen werden und somit eine angeregte und branchenübergreifende Unterhaltung initiieren können.
Ich habe nicht erwartet, dass jedes Gespräch um KI gehen wird.
Der Begriff ist in aller Munde, Gedanken und vielleicht auch Träume, nicht mehr wegzudenken.
Ich erinnere mich haargenau daran, als ich das erste Mal von dem Thema KI, vor Allem im Corporate Umfeld, gehört habe. Es gab ein kleines Townhall-Meeting und es wurde sehr optimistisch und mit einem klaren Zeitplan darüber berichtet, wann Microsoft seine ausgefeilten KI-Lösungen an den Markt bringen wird, wann wir als Mitarbeiter diese nutzen können.
„Komisch,“ dachte ich „Veränderungen (vor allem solch einschneidende) gehen doch sonst nicht so schnell?“
Ich war es gewohnt bahnbrechende, technologische Entwicklungen ab ca. 2050 in meinem Kopf zu verorten. Zusammen mit fliegenden Taxis und Marty McFly. Wir sind zwar schon weit, aber bis die breite Masse von neuen Entwicklungen profitiert, dauerte es meist. Die Frage, die ich mir bei solchen Neuigkeiten immer als erstes gestellt habe, war „Erlebe ich das noch?“ Also gegen fliegende Taxis hätte ich nichts. Aber zahlreiche Filme mit dystopischen Zukunftsperspektiven sind meist mit zu fortgeschrittener Technik verbunden. Die Maschinen, die die Weltherrschaft übernehmen. Na gut. Vielleicht bin ich auch etwas pessimistisch. Besonders, was die Geschwindigkeit des Ganzen angeht. Als Stuttgarterin ist man es irgendwann gewohnt Zeitangaben wie „2021“ beispielsweise nichtmehr ganz so für voll zu nehmen.
Man muss sich das mal vor Augen führen: KI kam schneller auf den breiten Markt als Stuttgart 21.
Ich schweife ab: Fakt ist, die Technologie hat sich schnell verbreitet und hat auch darüber hinaus eine eigene Bubble geschaffen, die sich heute in all unsere Tätigkeiten scheint eingegliedert zu haben.
Doch ist das so? Wer benutzt eigentlich KI und die vor Allem interessante Frage für mich war es: Wer tritt mit KI-generierten Inhalten auf?
Wir sind jetzt an einem sehr günstigen Punkt im Jahr, um das zu beurteilen. Black Friday, Weihnachten, Valentinstag, Ramadan, Chinesisch Neujahr – Die Feste der Werbekampagnen. Coca-Cola schrieb jüngst Schlagzeilen mit der kontroversen generierten Weihnachtswerbung. Porsche jedoch zeigt sich von seiner eher raffinierten Seite. Handgezeichnete Kunstwerke bei High-End Marken. KI für die breite Masse. Was sagt uns das?
Ok, ok, vielleicht muss jetzt mal kurz die Münchnerin die ganze Sache von einer anderen Seite betrachten. Gut, ich gehe mit. KI für die breite Masse und Handverlesenes für die gut betuchte Kundschaft. Das bedeutet, für High-End Kunden nur das Beste, es wird gezielt dem Geldbeutel entsprechend angepasst. Während Coca-Cola vollständige KI-generierte Spots schaltet, um jedermann daran zu erinnern, zu welcher Dose man im Supermarkt greifen sollte. Ein deutliches Signal, bei welchen Produkten Zeit und Budget in die Hand genommen wird. Das klingt natürlich gesellschaftlich wieder einmal wahnsinnig hierarchisch und um ehrlich zu sein – ist es. Aber auch: KI für die breite Masse. Das heißt nicht nur KI-generierter Schrott reicht schon für den Pöbel und wir sparen uns einen Haufen Geld als Unternehmen. Vielmehr bedeutet es auch, dass du und ich weit mehr Möglichkeiten haben, unsere kreativen Ideen umzusetzen.
Es ist keine Frage, dass das in the bigger picture einen faden Beigeschmack hat. Arbeitsplätze werden möglicherweise durch Tools ersetzt. Im Kleinen betrachtet kann das aber sehr helfen, Hürden zu verringern. Wenn wir Ideen brainstormen, können wir diese über KI erstmal weiterspinnen. Sehen, ob da Potenzial ist. In jede Richtung gehen, bis wir die gefunden haben, die uns gefällt.
Für mich hat KI die Limitation bei den Kreativprozessen genommen. Unser Webinar letztes Jahr hatte ein Superhelden-Motto. Leider Gottes kann ich weder Comics noch sonstige Illustrationen zeichnen. Ich möchte die Idee ausprobieren und selbst umsetzen können. Das gibt eine nie dagewesene Freiheit. Die Strukturen, in denen man arbeitet, sind dadurch kein Totschlag für kreative Outputs. Aber auch so schließt sich der Kreis zu den Zielgruppen. Bei den unterschiedlichen Herangehensweisen wird sichtbar: Je nach dem wie groß der Anteil der KI-Nutzung im Werbeumfeld ist, können auch Rückschlüsse auf die Mühe für die Konsumenten gezogen werden.

